Aus einer Laune heraus versuchte ich an einem schönen Sommertag in einer Kleinstadt in Togo den Verkehr einzufangen. Am Abend war ich von den Bildern enttäuscht: ich hatte die Bewegung, die Dynamik dieses anarchischen Straßenverkehrs nicht einfangen können. Wenige Woche vorher hatte ich am Fotografenstammtisch ein Bild eines "Mitziehers" gesehen. Das wollte ich auch. Internet zur Recherche hatte ich keines, so zog ich am nächsten Tag wieder zu meinem Beobachtungsposten an der Rue d'Atakpamé in Kpalimé und versuchte auf gut Glück meine Vorstellung umzusetzen.

 

 Der Begriff

Unter einem Mitzieher versteht man die Technik das Motiv mit der Kamera zu verfolgen und dann abzudrücken. Ähnlich wie ein Jäger auf ein wegbrechendes Stück Wild zielt. Das führt zu einem scharfen Motiv bei unscharfem Hintergrund und ergibt einen Klasse Effekt. Die (Un-)Schärfe des Hintergrundes wird über die Verschlusszeit gesteuert. Ist der Hintergrund zu scharf muss sie verlängert werden, ist er zu verwaschen muss sie verkürzt werden. Eine pauschale Antwort für die richtige Verschlusszeit gibt es nicht, sie hängt in erster Linie von der Geschwindigkeit des Motivs und dem Abstand Motiv-Fotograf ab. Wichtig ist das ruhige Nachführen der Kamera, sodass das Motiv immer vom gleichen Sensor der Kamera erfasst wird. Wichtig ist auch ein Autofokus, der schnell genug reagieren kann. Mein Sigma 17-70 2.8-4 als Standardzoom in der gehobenen Einsteigerklasse konnte das. Mein jetziges 24-70 2.8L sowieso.

 

Die Einstellungen

  • Wir müssen die Verschlusszeit bestimmen, also Blendenautomatik.
  • Bildstabi am Objektiv einschalten
  • Autofokus schalten wir ein, Autofokusmodus auf Objektverfolgung (AI-Servo). Mit einem langsamen AF kann ich auch auf einen Punkt an dem das Motiv vorbeikommt manuell fokussieren und dann später an diesem Punkt abdrücken. Dabei ist es nicht verkehrt, wenn ich die Schärfeebene breit gestalte. Also kurze Brennweite, geschlossene Blende.
  • Am einfachsten geht es (gerade zum Üben) mit dem Einzelfeld-AF. Mittleren Sensor auswählen und dann immer schön auf das Motiv halten.
  • mit einer langen Brennweite kann ich langsamer mitziehen, da ich weiter weg bin. Dafür besteht damit größere Verwacklungsgefahr. Mit kürzerer Brennweite habe ich diese Gefahr nicht, muss aber schneller mitziehen. 
  • Belichtungsmessung als Spotmessung. Den was ich aussen herum messe ist im Augenblick der Belichtung nicht mehr im Motiv!
  • Dauerfeuer! Sprich: Serienaufnahme. Die größeren Canons kennen die Funktion "schnelle Serienaufnahme", wenn vorhanden diese wählen.
  • Es ist sehr viel abhängig vom Setting vor Ort, von der Geschwindigkeit des Motivs und den Lichtverhältnissen. Man wird um ein wenig Übung nicht herumkommen.

 

Mein Vorgehen

Meine Frau pflegte während unserer Zeit in Afrika eine Siesta zu machen und zog sich ins Schlafzimmer zurück. Also hatte ich jeden Nachmittag etwas Zeit ohne eine Begleitung, die fragt warum sie einen Mann geheiratet hat der sich in den Straßendreck setzt und stundenlang Motorräder fotografiert. Ich nahm also regelmäßig nachmittags meinen Posten in der Nähe der Tankstelle (im Bild unten links) ein

"Tankstelle" am Straßenrand: ein langweiliges Bild ohne Dynamik. Vielleicht hätte ich länger belichten sollen um das Gegenteil eines Mitziehers zu erreichen: Umgebung scharf, Fahrzeuge unscharf?

 

Der Straßenverkehr in Afrika ist für Europäer von höchstem Unterhaltungswert. Einen Livestream einer Webcam von einer westafrikanischen Straße statt dem Nachmittagsprogramm des Privatfernsehens würde nicht nur Qualität und Unterhaltungswert desselbigen steigern, es wäre auch sehr viel billiger zu produzieren. Ich habe mich auf eine Straßenseite gestellt und habe die Motorräder auf der anderen Straßenseite fotografiert. So hatte ich, wenn sie auf meiner Höhe waren ca. 10m zwischen mir und dem Motiv. Die Motorräder fuhren ca. 40-50km/h, diejenigen auf meiner Seite konnte ich nicht fotografieren, da ich durch die Nähe zu schnell mitziehen musste. Außerdem war der Hintergrund auf der anderen Seite besser. Da ich keine Ahnung hatte probierte ich am Anfang mit 70mm, ISO 100, f/6.3, 1/250 Sekunde an meiner EOS 1100D und dem Sigma 17-70 f/2.8-4.

Ich brauchte ein paar Anläufe bis ich den Dreh raus hatte. Die Kamera muss dem Motiv ruhig folgen, und ganz wichtig: nicht nach dem Auslösen sofort die Bewegung stoppen. Einfach weiter verfolgen und aus dem Fluss heraus auslösen. Nach einigen offensichtlichen Fehlversuchen hatte ich den Dreh raus. Am Display der DSLR sahen die Fotos auch schon sehr gut aus.

Erste Versuche: ISO 100 | 70mm | f/6.3 | 1/250 Sek.
Erste Versuche: ISO 100 | 70mm | f/6.3 | 1/250 Sek.

 

Abends am Laptop sah ich dann, dass die Bilder zwar zu über 90% scharf waren, dass mir aber der Hintergrund ebenfalls zu scharf war. Für mich nicht schlimm, ich konnte ja am nächsten Tag wieder losziehen. Blöd ist das für Leute, die ein Autorennen fotografieren oder ähnliches. Da ist das Motiv am nächsten Tag weg. Deshalb mein Tipp: in solchen Fällen überlegen, ob man einen größeren Kontrollbildschirm mit zum Shooting nehmen kann. Vielleicht ein Tablet oder einen Laptop, möglichst mit WLAN zur Kamera, falls diese das kann?

 Mein Fazit

  • Ohne Übung und Ausschuss geht es nicht
  • Es gibt kein Patentrezept, da sehr viel von der Entfernung und der Geschwindigkeit des Motivs abhängt, die Lichtverhältnisse und die Ausrüstung eine Rolle spielen
  • Der Mitzieher ist eine tolle Methode Dynamik und Leben in ein Motiv zu bringen
  • Es macht Spaß!

 

Spickzettel: So habe ich die Cam bei den folgenden Bildern eingestellt
Spickzettel: So habe ich die Cam bei den folgenden Bildern eingestellt

Ergebnisse

Bei den folgenden Bildern am nächsten Tag habe ich die Verschlusszeitvon 1/250 Sek. auf 1/100 Sek. verlängert um den Hintergrund unschärfer / verwischter zu gestalten. Mit der Übung des Vortages hatte ich fast 100% scharfe Fotos. Hier unten nun ein paar Resultate - vielleicht habe ich dem ein oder anderen damit eine Anregung mit auf den Weg gegeben. Würde mich freuen!

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Fotoschule

Ein Teil der Beiträge hier habe ich ursprünglich für einen Freund und Fotografie-Neuling geschrieben. In etwas veränderter Form habe ich sie zu einem Tutorial für Einsteiger zusammengefasst. Hier ein Überblick über die einzelnen "Kapitel", die logisch aufeinander aufbauen.