Nachdem wir in Basics II: Der ISO-Wert besprochen haben was der ISO-Wert ist und uns in Basics III: Die Blende mit der Blendenöffnung beschäftigt haben kommen wir nun zum dritten und letzten Wert, der die Belichtung unseres Bildes beeinflusst. Wer diese drei Werte beherrscht kann ein Foto kreieren und ist nicht mehr darauf angewiesen sich von einem Haufen Silizium vorschreiben zu lassen wie die Einstellungen sein sollten. Hier erfahrt ihr wie es geht.

Im Gegensatz zur Blende ist die Verschlusszeit leicht erklärt: es ist die Zeit, in der Licht auf den Sensor trifft. Fertig. So ein Verschluss sollte aber auch sehr kurze Zeiten exakt und reproduzierbar Licht auf den Sensor lassen. Das ist schon eine kleine technische Meisterleistung! Meine EOS 70D kann bis zu 1/8000 Sekunden (!) kurz belichten. Wäre der Verschluss einfach nur eine Klappe, die nach oben fährt und wieder herunter, würde auf den oberen Teil des Sensors viel weniger Licht treffen als auf den unteren Teil. Das Bild wäre unterschiedlich stark belichtet. Der zweite Verschlussvorhang beginnt sich bei Erreichen der Verschlusszeit mit der gleichen Geschwindigkeit wie der erste Vorhang zu schließen.

 

Schema einer EOS 1100D: Blick auf den Spiegel (Foto: Canon)
Schema einer EOS 1100D: Blick auf den Spiegel (Foto: Canon)

Die Technik ist deshalb etwas ausgefeilter: Wenn man das Objektiv seiner Kamera abnimmt blickt man auf den Spiegel. Dieser Spiegel klappt bei der Betätigung des Auslösers nach oben weg und verschließt den Blick für den Sucher. Darunter liegt der Sensor hinter dem Verschluss. Dieser Verschluss besteht bei modernen Kameras aus zwei Verschlussvorhängen, auch Jalousien genannt die entweder von links und rechts oder von oben und unten den Sensor abdecken. Während der erste Verschlussvorhang den Sensor von links nach rechts freigibt fährt der zweite Verschlussvorhang hinterher und deckt den Sensor wieder ab. Bei sehr kurzen Belichtungszeiten fährt der zweite Vorhang so schnell hinter dem ersten her, dass nie der ganze Sensor freigegeben ist. Das Bild wird also nacheinander und nicht zur gleichen Zeit belichtet. Diese Technik nennt man Schlitzverschluss. Canon verbaut diese (mit einigen technischen Unterschieden) in allen DSLR von der EOS 1300D bis zur EOS 5D Mark IV und der EOS 1D X Mark II. 

 

Die animierte Grafik verdeutlicht die Funktion: der erste Vorhang ist immer gleich schnell, er definiert daher die minimale Belichtungszeit. Der Zeitpunkt, wann der zweite Vorhang folgt ist abhängig von der Verschlusszeit. Durch diesen simplen Trick erreicht man eine gleichmäßige Belichtung des Sensors mit einer einfachen und kleinbauenden Mechanik. Diese Technik hat nur einen Nachteil: Wird mit einem Blitz fotografiert und während der Abbrandzeit des Blitzes ist nicht der ganze Sensor geöffnet, weil der erste Vorhang noch herunter fährt oder der zweite Vorhang schon ein wenig vor dem Sensor ist hat man ein unterschiedlich stark belichtetes Bild. Das betrifft sehr kurze Belichtungszeiten, die von der Kamera abhängig sind. Bei meiner EOS 70D ist diese Blitzsynchronisationszeit 1/250 Sekunden. Dies ist die kürzest mögliche Zeit, die ich mit dieser Kamera und einem Blitz fotografieren kann.

Arbeiten mit ISO, Blende und Verschlusszeit

Soweit zur Technik - kommen wir zur Taktik. Das Zusammenspiel zwischen ISO, Blende und Verschluss sorgt für ein richtig belichtetes Bild. Es ist also weder zu hell noch zu dunkel, alle hellen Bildteile sind nicht komplett weiß ("überstrahlt"), alle dunklen Bildteile sind nicht komplett schwarz ("abgesoffen"). Dazu ist es notwendig die richtige Lichtmenge auf den Sensor zur bekommen. Was für den Anfänger schwer zu verstehen ist, ist die Tatsache, dass ich diese Lichtmenge gleich über drei Einstellungen steuern kann. Das kann einen am Anfang schon überfordern. 

Um das richtig zu verstehen empfehle ich Anfängern den manuellen Modus und die notwendige Muse nicht nur abzudrücken sondern sich wirklich die Zeit zu nehmen und zu überlegen, welche Einstellungen ich wie anwende um zum Ergebnis zu kommen. Ich empfehle dazu folgenden "Workflow" mit dem man seine Überlegungen systematisch angehen kann.

  1. Zuerst stellen wir den ISO-Wert auf 100. Diese Einstellung regelt bekanntlich die Empfindlichkeit des Sensors. 100 ist in der Regel der empfindlichste Wert, bei ihm ist aber auch das Bildrauschen (siehe Basics II: Der ISO-Wert) am geringsten.
  2. Nun überlegen wir welche Blende zu unserem Motiv passt. Dazu gibt es einige Faustzahlen, die man durch Ausprobieren an seine Ausrüstung anpassen muss.
    • Faustwert 1 "Sonne lacht - Blende 8": Fotografiere ich bei schönem Wetter draußen, oder bei ähnlich hellen Kunstlichtsituationen nehme ich Blende 8. Damit erreiche ich keine gute Freistellung eines Motives, das Bild ist in weiten Teilen vom Vordergrund bis zum Hintergrund scharf. Ich komme mit den Verschlusszeiten in der Regel gut hin und kann, wenn ich es später brauche auch noch die Blende 1-2 Stufen zu oder auf machen.
    • Faustwert 2: Will ich Personen vor einem Hintergrund freistellen nehme ich die größte Blende und mache dann wieder eine Blende zu (f/3.5 bei einem f/2.8 Objektiv), da dort die Abbildungsleistung des Objektivs immer besser ist als bei einer komplett offenen Blende. Habe ich ein Objektiv zur Verfügung, dass erst bei f/4 oder gar f/5.6 losgeht lasse ich die Blende notgedrungen komplett geöffnet.
    • Faustwert 3: Will ich bewegte Bilder einfangen (ein Auto z.B. wie oben) gehe ich erstmal gleich vor wie bei "Sonne lacht - Blende 8". Bei Sonnenschein nehme ich Blende 8, ist es heller oder dunkler blende ich nach Gefühl zwischen f/5.6 und f/13 auf oder ab.
    • Faustwert 4: Mache ich Nachtaufnahmen oder Dämmerungsaufnahmen von unbewegten Objekten mit Stativ schließe ich die Blende zuerst soweit wie möglich. f/22 z.B.
    • Faustwert 5: Will ich bewegte Bilder bei schlechtem Licht einfangen (Menschen auf einer Party, ein Konzert, Tiere in der Nacht) mache ich die Blende so weit auf wie möglich. Das ist auch der Fall, in dem ich sofort mit der ISO an meine persönliche Schmerzgrenze des Rauschverhaltens gehe. Die liegt bei mir und meiner Kamera ungefähr bei ISO 800. 
  3. Nun stelle ich die Verschlusszeit so ein, dass das Bild laut Belichtungssensor richtig belichtet ist. Ich schaue mir den eingestellten Wert an und überlege ob dieser Wert funktioniert:
    • Kann ich mit dieser Verschlusszeit ein scharfes Foto schießen? (Basics I: Fokussierung)
    • Passt diese Verschlusszeit zu meinem Motiv? Bei bewegten Dingen muss ich kurze Verschlusszeiten haben um ein scharfes Bild zu bekommen. 
  4. Wenn dieser Wert passt schieße ich mein Foto. Bevor ich ein verwackeltes Bild riskiere lasse ich den Belichtungsmesser ein wenig in den negativen Bereich rutschen und mache ein unterbelichtetes Bild, das kann ich am PC problemlos nachbelichten - wir machen ja alle Bilder, ich wiederhole ALLE BILDER in RAW. Glaubt mir, ihr beißt euch irgendwann in den Hintern, wenn ihr diesen Ratschlag nicht befolgt.
  5. Wenn der Wert nicht passt, weil die Verschlusszeit zu lange wird und ich das Foto verwackeln würde oder weil ich wegen der Bewegung des Motivs nicht länger belichten kann muss ich die anderen Werte anpassen:
    • ich kann ein Stativ benutzen und habe die Gefahr des Verwackelns gebannt
    • ich kann die Blende aufmachen, verliere dann aber irgendwann Tiefenschärfe
    • ich kann die ISO hochdrehen, bekomme dann aber irgendwann Bildrauschen
    • ich kann mein Motiv heller machen, beispielsweise mit einem Blitzgerät
    • ich kann das Foto so nicht machen

Das war es eigentlich schon. So macht man ein Foto. Wenn ihr das einige Wochen gemacht habt geht es wie selbstverständlich von der Hand und ihr könnt die Einstellungen mehr oder weniger blind vornehmen. Der Ausschuss der Bilder wird sich nach kurzer Zeit reduzieren und ihr habt dann die ersten Schritte in einem neuen Hobby gemacht. 

Ich bin diesen Weg gegangen, er hat bei mir funktioniert und ich bin immer noch dabei sehr viel zu lernen. Das muss nicht heißen, dass das der einzige Weg ist der funktioniert. Aber er funktioniert und ich glaube dass es ein guter Weg ist. Denn man lernt den Zusammenhang von Grund auf und sammelt seine Erfahrungen welche Werte passen. Wenn ich heute ein Motiv ablichte, denke ich nicht mehr großartig darüber nach sondern finde meine Einstellungen intuitiv. Wenn das Ergebnis nicht ausfällt wie gewünscht kann ich den Fehler sehen und weiß woran es liegt. Probiert es aus und habt Spaß!


Fotoschule

Ein Teil der Beiträge hier habe ich ursprünglich für einen Freund und Fotografie-Neuling geschrieben. In etwas veränderter Form habe ich sie zu einem Tutorial für Einsteiger zusammengefasst. Hier ein Überblick über die einzelnen "Kapitel", die logisch aufeinander aufbauen.